Deutsches Geplapper

Speaker 1 (00:02)
Ja, moin liebe Leute, ich hatte euch ja gerade diese wunderschöne Podcastfolge “Hassliebe Berlin” angekündigt. Aber ganz zu Anfang noch mal eine kleine Erinnerung an euch: Wenn ihr wollt, dass dieser Podcast weitergeht, wenn ihr einfach in Zukunft weiterhin schöne, spannende, interessante Folgen von Deutsches Geplapper hören wollt, dann bitte ich euch ganz kurz um eine kleine Unterstützung. Und zwar, Ihr müsst nichts weiter tun, als mich bei Spotify, iTunes oder wo auch immer ihr diesen Podcast hört, zu bewerten. Gib mir fünf Sterne. Bewertet mich gerne auch schriftlich oder aktiviert die Benachrichtigungen. Das würde mir schon sehr, sehr helfen, diesen Podcast am Leben zu halten und einfach meine Reichweite so ein bisschen zu erweitern. Vielen Dank dafür. Und ja, jetzt geht’s los, Leute. Hassliebe Berlin. Ein Thema, auf das ich mich richtig, richtig gefreut habe. Und noch viel mehr habe ich mich auf meinen heutigen Gast gefreut. Und zwar Fabian. Moin Fabian.

Speaker 2 (01:09)
Ja hallo Flemming, danke für die Einladung.

Speaker 1 (01:11)
Ja, sehr, sehr gerne. Fabian sagt nicht “Moin”, übrigens, weil Fabian ist ein echter Berliner. Was sagt man in Berlin, Fabian? Gibt es da irgendwas?

Speaker 2 (01:22)
Oh, sehr unterschiedlich. Meistens etwas eher Kürzeres als Längeres. Also moin in die Richtung würde schon etwas funktionieren, von der Länge her, aber einfach nur Hallo. Hey. Der Berliner ist ein wenig sprachfaul.

Speaker 1 (01:37)
Also keine spezielle Begrüßungsformel. Ich habe eben gesagt, du bist ein echter Berliner. Liege ich da richtig oder wie würdest du dich bezeichnen?

Speaker 2 (01:46)
Ich würde sagen, es ist glatt eine Lüge. Weil, das ist eines der Dinge, die Berlinern sehr wichtig ist. Und zwar, jemand ist Berliner nur dann, wenn er in Berlin geboren ist. Aus Sicht von einem Berliner kannst du 20, 30, 40 Jahre in Berlin gelebt haben. Aber solange nicht in deinem Ausweis drin steht, dass du in Berlin geboren bist, bist du immer ein Zugezogener. Dementsprechend bin ich ein Zugezogener. Ich bin quasi in die Stadt hingezogen, vor mittlerweile zwölf Jahren. Groß geworden, aufgewachsen, in einem kleinen Dorf mit 500 Leuten, ungefähr eine Stunde entfernt von Berlin in Brandenburg. Dementsprechend ein schönes Kontrastbild zu 19 Jahre Großwerden mit Kühen, Hühnern und viel frischer Luft und dann in die Großstadt zu kommen. Aber es war ein sehr schöner Wechsel damals.

Speaker 1 (02:40)
Ja, also genau, du sagst es, Kontrastbild. Einfach ein richtig krasser Gegensatz zu dem, was du heute hast. Vielleicht kannst du mal ganz kurz erzählen, so als kleine Vorstellung, wie ist es dazu gekommen, dass du heute in Berlin lebst, dass du seit mittlerweile zehn Jahren oder länger schon in Berlin lebst? Und warum hast du dich dafür entschieden?

Speaker 2 (03:05)
Richtig. Ich bin direkt nach dem Abitur, ich habe meine Schule fertig gemacht mit 19. Das war vor zwölf Jahren, 2010. Und habe dann überlegt, okay, ich muss aus diesem Dorf raus. Aus diesem Dorf mit 500 Gesichtern, die ich jeden Tag alle immer sehe und schon lange kenne. Dementsprechend wollte ich mal etwas Größeres sehen, die Welt ein bisschen für mich erschließen. Und da wir halt das Glück haben in Brandenburg, Berlin direkt vor der Haustür zu haben, muss man gar nicht so weit weg, wenn man ins große Gewusel, in den Trubel möchte. Da, wo das Leben spielt. Und das hab ich gesucht nach der Schule und habe etwas gesucht, was ich erst mal machen kann für ein Jahr, wo ich etwas Soziales mache. Und da war die Möglichkeit da, kleinen Kindern Basketball beizubringen. Ich spiel gerne Basketball, mein Leben lang schon und hatte dann die Chance nach Berlin zu gehen, um dort dann Basketballtrainer zu werden. Und das hab ich dann gemacht und diese Möglichkeit gibt es halt in Brandenburg nicht bzw. nur sehr vereinzelt. So konnte ich quasi mein Hobby hinterher oder ja…Dorthin ziehen, wo mein Hobby zu Hause ist. Und das ist halt die Großstadt. Und habe Berlin immer gemocht, auch schon zu Schulzeiten sehr, sehr gerne nach Berlin gefahren, um halt wegzugehen, um shoppen zu gehen, um einfach die Welt zu spüren. Ganz, ganz kitschig, ganz blöd mal gesagt.

Speaker 1 (04:33)
Aber cooler Ausdruck, die Welt spüren. Das ist auf jeden Fall etwas, was ich in Berlin auch öfter erlebt habe. Man fährt hin und merkt, okay, hier ist irgendwie das Leben so ein bisschen mehr von Bedeutung oder? So ein bisschen… Wenn man auf dem Dorf lebt, ich glaube, du kennst das Gefühl, hat man manchmal so den Eindruck, man verpasst so ein bisschen was, oder?

Speaker 2 (04:55)
Das trifft es ganz gut. Man verpasst etwas bzw. die Zeit geht wirklich langsamer. Das kennt man. Man kann dem Gras beim Wachsen zuschauen. Das ist halt das Dorf. Das Leben auf dem Dorf. Was ja auch schön ist und jetzt älter wird und nicht mehr in den Zwanzigern seines Lebens ist, schätzt man diese Ruhe ja auch mehr. Diese, diese langsame Zeit, dieses teilweise Einöde, dieses immer gleich Währende. Aber mit Anfang 20 sah die Welt halt wirklich anders aus für einen selbst. Man wollte halt genau das haben. Man wollte, man wollte diese Schnelligkeit, man wollte mittendrin sein, man wollte Teil davon sein und nichts verpassen. Genau, so ist es halt. Und in Berlin, das ist ja das Spannende, du kannst ja gleichzeitig irgendwie alles trotzdem… Du kannst ja gar nicht alles gleichzeitig mitnehmen, weil so viel gleichzeitig passiert. Du kannst nur immer etwas verpassen, indem du dich irgendwo rein begibst. In eine andere Geschichte, weil zu viel gleichzeitig passiert. Und dementsprechend war das aber eine sehr, sehr große Motivation damals, genau das zu tun. Und bis heute eine der besten Entscheidungen, die ich getroffen habe.

Speaker 1 (06:05)
Ja, sehr cool, sehr cool. Wir haben aber in der Vergangenheit auch wirklich schon, also für euch, liebe Hörerinnen und Hörer, Fabian und ich kennen uns schon so ein bisschen länger, ihn hat es eben nach Berlin gezogen, mich eben in den Norden, nach Rostock. Rostock ist um ein Vielfaches kleiner, sag ich mal und beschaulicher als Berlin. Wir haben, glaube ich, auch schon so ein paar Diskussionen darüber geführt, was Berlin so interessant macht oder in meinen Augen eben auch nicht so lebenswert. Deswegen habe ich diese Folge eben auch so genannt. Hassliebe Berlin. Vielleicht ganz kurz Fabian, du bist jetzt kein Deutsch-Coach, aber ich glaube Hassliebe, damit kannst du auch was anfangen oder? Kannst das irgendwie so ein bisschen definieren oder mal erklären.

Speaker 2 (06:54)
Hassliebe. Ja, das ist etwas. Du hast eine… Wir bleiben bei Berlin. Du hast Berlin. Und an manchen Tagen, bist du verliebt in diese Stadt und kannst gar nicht deine Sympathie für diese Stadt in Worte fassen. Und diese gleiche Stadt, die sich an sich nicht verändert hat, bringt dich an einem anderen Tag zum Rasen. Sie macht dich wütend, weil du mit Sachen konfrontiert wirst, die dich einfach nur teilweise verwirrt zurücklassen. Und deswegen eine Hassliebe. Dieselbe Sache, die sich quasi an verschiedenen Tagen auch verschieden anfühlt.

Speaker 1 (07:32)
Genau. Also zwei, zwei Emotionen eigentlich. Die sich irgendwie, ja, widersprechen sozusagen. Die sich entgegenstehen. Einfach. Genau. Ja. Dann lass uns doch mal über über das “Dicke B” richtig quatschen. Sagt man eigentlich noch “Dickes B” oder wie ist das? Ist das so ein Ding der Vergangenheit?

Speaker 2 (07:54)
Ich glaube, da würde man wieder die Grenze ziehen zwischen jemandem, der nicht Berliner ist und der Berliner gerne sein möchte. Nein, ich glaube, diesen Begriff habe ich von jemandem, der aus Berlin kommt, noch nie gehört. Aber ich habe witzigerweise das Lied erst gestern gehört von “Seed”. Seed, Dickes B. Ich habe…Man wird erstaunt sein, das Lied ist schon 22 Jahre alt.

Speaker 1 (08:18)
Ja, wahnsinn. Warte mal… “Dickes B, oben an der Spree, im Sommer tust du gut und im Winter tut’s weh.”

Speaker 2 (08:27)
Genau. Genau so ist es. Siehst du, noch sehr textsicher nach über 20 Jahren.

Speaker 1 (08:31)
Warum denn? Warum tut es im Sommer gut und im Winter tut’s weh? Hast du dich das je gefragt?

(08:39)
Ich würde auch jedem, der nicht in Berlin wohnt und nach Berlin kommen möchte, auch immer raten: Kommt im Frühling, kommt im Frühling nach Berlin, aber nicht im Herbst und nicht im Winter. Die Stadt..Die Stadt ist… Du hast natürlich vieles, was du machen kannst. Du hast die Bars, du hast die Konzertsäle, die Theater, du hast die Restaurants, du hast alles da. Aber irgendwie hat alles nicht diesen schönen Charme, des Gemeinsam-draußen-seins. Und du, als jemand, der auch den Süden Europas sehr wertschätzt, weißt natürlich um die Sonne und was die Sonne in den Menschen auslöst. Und wie glücklich die Sonne die Menschen macht. Und man sieht das Gegenteil in Berlin im Winter. Was aus dem Menschen passiert, wenn die Sonne nicht da ist. Berliner gelten in der Regel als unfreundlich und rau oder grob in ihrem Dasein und dieses Klischee, was ich aber nicht abstreiten würde, ehrlich gesagt, das verstärkt sich im Winter. Also die Stadt ist rauer im Winter als im Sommer. Und wenn du jemand im Winter an der Schulter an der U-Bahn anrempelst, dann gibt es mal ein böses Wort. Passiert es im Sommer im schönen Sonnenschein ist es vielleicht nicht ganz so schlimm, die Leute sind einfach ein bisschen entspannter drauf. Deswegen ist alles wesentlich entspannter und wesentlich schöner, wenn die Sonne über der Stadt scheint.

Speaker 1 (10:03)
Ja, ich glaube, das ist ein guter Rat, kommt im Frühling. Also viele, viele Hörerinnen und Hörer hier werden das wahrscheinlich selbst schon mal gemerkt haben, dass Berlin einfach sich oft von unterschiedlichen Seiten zeigt oder einfach unterschiedliche oder verschiedene Gesichter hat. Kann ich nur bestätigen. Im Winter ist es ätzend, aber ich sag mal, im Winter ist es eigentlich in Deutschland an den meisten Orten ätzend. Also, gerade im Norden, hier in Rostock. Ich halt’s auch ganz schwer aus.

(10:36)
Ja, aber ich glaube, es gibt genauso Orte in Deutschland, die gerade im Winter erst spannend werden, wenn du halt gerade in die südlichen Gebiete guckst, nach Bayern, wo Skifahren ein großes Thema ist. Ich glaube, da sehen sie dem Winter sehr stark entgegen. Dementsprechend glaube ich, gibt es auch sehr, sehr schöne Orte. Aber sie sind halt nicht, wie du schon sagtest, nicht hier oben im Norden. Hier ist alles ein bisschen grau, bisschen matschig, kalt, feucht. Es gibt schönere Orte.

(11:05)
Ja, genau. Aber wir wollen jetzt trotzdem über diesen Ort reden, der auch sehr, sehr schön sein kann, wie du zumindest sagst.

Speaker 2 (11:14)
Ja, lass dich überzeugen!

Speaker 1 (11:15)
Ich dachte mir, ich dachte mir, wir versuchen so ein bisschen Struktur mal reinzubringen. Und zwar, habe ich mir einfach mal drei Kategorien überlegt, um wirklich so alle Bereiche so ein bisschen mal abzuarbeiten oder zumindest die relevanten Bereiche. Ich würde einfach mal mit der ersten Kategorie anfangen, und zwar “Verkehr und Fortbewegung”. Ganz spontan, ganz spontan auf Berlin bezogen, was fällt dir zum Thema Verkehr und Fortbewegung ein?

Speaker 2 (11:48)
Als jemand, der in einem Dorf groß geworden ist, wo am Tag nur einmal der Bus in die Stadt fuhr, um dieses Klischee auch zu bestätigen, leider. Infrastruktur in Berlin heißt, du kannst jederzeit dahin kommen, wo du hin möchtest. Und das ist etwas, wenn man in Berlin groß wird, was man für selbstverständlich hält. Und auch wenn man halt andere Großstädte nicht gesehen hat in Europa, auch das gar nicht wertschätzt, wie schnell man die verschiedenen Verkehrsmittel benutzen kann, dass du teilweise nur fünf Minuten auf eine U-Bahn warten musst und die bringt dich dann trotzdem genau dorthin, genauso schnell, wie du es möchtest. Du kannst wirklich jederzeit im Stadtker, muss man dazu sagen, also alles was sich in den Randbezirken abspielt und auch nochmal eine andere Geschichte ist, aber das eigentliche Leben von Berlin spielt sich ja quasi auch, im sogenannten Ring findet’s ja alles statt und der Ring ist quasi begrenzt von der Ringbahn, von der S-Bahn, die quasi immer im Kreis um die Stadt herum fährt. Und alles, was da in diesem Kern passiert, du kommst schnell überall hin. Es gibt, glaube ich sogar eine Regelung bei öffentlichen Verkehrsmitteln, die sagen, dass, ich glaube, keine Station für einen Bus darf mehr als 300 Meter Entfernung haben. Also es ist alles sehr eng beieinander und so hast du quasi immer, bist gut angebunden an alle Orte dieser Stadt. Das ist schon sehr, sehr vorteilhaft. Und wie gesagt, wenn man halt auf dem Dorf, wie ich, groß wurde, da musste man viel Fahrrad fahren oder Auto fahren oder halt viel laufen. Aber halt mit Bus fahren war eher selten.

Speaker 1 (13:22)
Eine ganz wichtige Lernvokabel: “Gut angebunden sein”. Gut angebunden sein heißt wirklich, wie Fabian gerade gut beschrieben hat, einfach sehr gute, ein sehr gutes, eine sehr gute Infrastruktur zu haben, das heißt auch, mit öffentlichen Verkehrsmitteln überall schnell hinzukommen und nicht allzu lange von einer Bushaltestelle zur nächsten gehen zu müssen oder nicht allzu lange auf den Bus auch zu warten, überhaupt.

Speaker 2 (13:49)
Oder halt keinen Bus zu haben.

Speaker 1 (13:50)
Oder keinen Bus zu haben. In Berlin kommst du selbst morgens um drei noch an dein Ziel, glaube ich, oder?

Speaker 2 (13:56)
Das ist so, genau. Ein wenig längere Wartezeiten als 3 Uhr nachmittags. Aber trotz dessen kannst du immer dir gewiss sein, dass, ich glaube, in einer Stunde fahren maximal oder minimal zwei Busse und das ist schon sehr viel wert. Also früher habe ich es häufiger auch in Anspruch genommen.

Speaker 1 (14:16)
Das, auf jeden Fall, ist ein sehr positiver Aspekt. Dem möchte ich aber mal entgegenhalten, dass es ja auch, gerade in Berlin, so meiner Erfahrung nach, auch immer Ewigkeiten dauert, bis man von einem an den anderen Punkt gekommen ist. Also ich sag mal, wenn man, wenn man so in…Jetzt fallen mir die Stadtteile nicht ein, Charlottenburg wohnt und nach Kreuzberg möchte, ich glaube, da fährt man, glaube ich, mit öffentlichen schon eine halbe, dreiviertel Stunde oder länger, oder?

Speaker 2 (14:46)
Das ist richtig. Halbe Stunde fährst du ungefähr, je nachdem, wo du dich noch mal in beiden Bezirken bewegen möchtest. Aber du hast vollkommen recht. Die Stadtplanung ist aus einer Zeit, wo Berlin noch nicht eine Stadt war. Ich glaube, Berlin ist zu dieser Größe geworden vor, ich glaube, so ziemlich 100 Jahren und davor waren alles kleine Dörfer. Also, so heißen auch die ganzen Bezirke. Wilmersdorf, Reinickendorf, Hellersdorf, Zehlendorf. Das waren alles ganz viele kleine Dörfer. Und dementsprechend sind diese auch halt so angelegt. Und deswegen ist z.B. die Infrastruktur, von einem Bezirk in den nächsten zu fahren, sehr umständlich. Da gebe ich dir Recht. Aber das ist ja das Schöne, weil ja die ganzen Bezirke auch wie kleine Städte funktionieren, kannst du auch in diesen kleinen Bezirken auch wirklich wie in einer Kleinstadt teilweise leben.

Speaker 1 (15:35)
Das ist mir auch schon mal, das ist mir auch schon mal aufgefallen. Dass wirklich so jedes Viertel sein eigenes Flair hat, seinen eigenen Charakter. Das ist auch eine Sache, die ich mag an Berlin, aber ich will ja jetzt hier nicht zu positiv reden. Ich bin ja eigentlich der Contra-Part. Deswegen nehme ich noch mal einen negativen Aspekt. Und zwar, wir sind ja noch beim Thema Verkehr: Abgase und Lärm. Also ich habe ja mal einen Monat in Berlin gewohnt, du erinnerst dich? Und das war wirklich so eine Zeit… Ich habe es genossen, mal in der großen Stadt zu sein, als kleines Dorfkind. Aber trotzdem hat es mich unglaublich genervt, dass man, dass ich morgens dann aus der Wohnung gekommen bin und wirklich schon diesen Smog-Geruch im Mund hatte. Es ist wahrscheinlich nicht überall in Berlin so, aber das ist ein Aspekt, der mir überhaupt nicht gefallen hat. Wie gehst du damit um?

Speaker 2 (16:34)
Ich erinnere mich auch daran, wo du gewohnt hast und die Straße war auch sehr stark gefallen. Das muss man sagen. Es war glaube ich, es waren vier Spuren insgesamt, die vor deiner Haustür waren. Ich weiß, was du meinst. Es ist sehr unterschiedlich. Also jetzt zum Beispiel gerade befinde ich mich in meiner Wohnung und die ist auf dem Hinterhof und bin hier im Dachgeschoss und habe hier nichts. Ich höre nichts. Man hat vielleicht gerade eben vor ein paar Minuten gehört, dass hier die Kirchenglocken geläutet haben. Das ist das einzige, was du hier hörst, im Hinterhof. Ansonsten hast du hier den Vorteil, keine Straße zu hören, keine S-Bahn oder sonst etwas. Aber ich gebe dir Recht, je nach nachdem, es ist wirklich sehr spezifisch, wo du wohnst. Ich habe auch mal ein paar Jahre lang in der Nähe einer Feuerwehr-Station, Feuerwehr…mir fällt gerade das Wort nicht ein.

Speaker 1 (17:27)
Feuerwehr-Stelle. Ja. Sagen wir einfach Feuerwehr.

Speaker 2 (17:34)
An der Feuerwehr gewohnt, genau, daneben war die Polizei und daneben war das Krankenhaus. Also das war, also man ist morgens von den Sirenen wach geworden, nicht vom eigenen Wecker. Und das war natürlich auch nicht immer angenehm, aber es ist wirklich sehr spezifisch, wo du wohnst. Das kann sehr, sehr glücklich ausfallen für dich. Es kann aber auch eine sehr stark befahrene Straße sein. Ja, das muss ich zugeben. Das ist etwas, das hat man natürlich auf dem Dorf nicht. Da hat man, die Luft ist ein wenig frischer und da wird man eher vom Hahn oder von einer Kuh morgens wach als von Autos und hupenden Geräuschen.

Speaker 1 (18:08)
Genau, ja, das ist natürlich auch sehr, sehr subjektiv alles. Also manch einer, der damit aufgewachsen ist oder so, den stört das heute auch gar nicht mehr. Aber wenn du aus ruhigeren Gegenden kommst, dann bist du es einfach nicht gewohnt und dann macht es sich doch schon ganz schön fertig teilweise. Ja auch dieser Lärm und dieses U-Bahn-Geräusch. Kennst du das? Es gibt ja auch Leute, die haben das als ihren Klingelton im Handy, wenn eine Nachricht kommt.

Speaker 2 (18:40)
Es gibt auch Leute, die haben daraus ganze Lieder, ein ganzes Lied gemacht.

(18:44)
Ach echt, ja?

(18:45)
Ja, es gibt einen Musiker, wie heißt er? Ich glaube, Paul Kalkbrenner, der hat einen Song veröffentlicht. Ich glaube, der hieß sogar “Train”, also Englisch für Zug und ich bin mir nicht ganz sicher und der ist aufgebaut auf dieses U-Bahn-Signal.

Speaker 1 (19:00)
Wahnsinn!

(19:01)
Es ist sogar ein gutes Lied geworden.

Speaker 1 (19:03)
Und ich glaube..

Speaker 2 (19:04)
Überraschenderweise.

Speaker 1 (19:05)
Bei bei Leuten, die Berlin einfach lieben und dort aufgewachsen sind, ist dieses Geräusch glaube ich einfach so, löst Heimatgefühle aus und bei anderen, so wie bei mir, wenn ich das Geräusch höre, dann bin ich komplett genervt, weil ich es hasse mit der U-Bahn zu fahren. Absolut. Das ist wirklich, kannst du dir nicht vorstellen.

(19:22)
Wirklich? Das ist mir neu.

Speaker 1 (19:26)
Wir haben aber noch zwei andere Kategorien und die müssen wir mal angehen. Und zwar, wir haken mal das Thema Verkehr ab. Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass Berlin nicht gleich Berlin ist, sondern es wirklich ganz viele unterschiedliche Gebiete dort gibt, in denen, wie du sagst, bei dir zum Beispiel. Es ist ruhig. Es ist kein Smog-Geruch, sondern es ist entspannt. Und dann gibt es wieder ganz andere Orte, wo es laut, stressig und stinkig ist.

Speaker 2 (19:55)
Ja, wir haben gar nicht darüber gesprochen, wie es ist, auch selber mit dem Auto in Berlin zu fahren. Das ist ein eigenes Thema fast.

Speaker 1 (20:01)
Das stimmt, das stimmt. Würde ich, würde ich kurz mal abhandeln und sagen “komplette Katastrophe”. Okay, ich geb dir einen Satz. Du darfst einen Satz dazu sagen.

Speaker 2 (20:13)
Morgens schwierig, abends entspannt.

Speaker 1 (20:15)
Okay, da können sich die Leute…

Speaker 2 (20:18)
Das ist Problem ist, abends kannst du in Ruhe fahren. Aber du hast dann abends das Problem, dass du keinen Parkplatz findest. Es ist ein anderes Thema.

Speaker 1 (20:24)
Machen wir noch mal, machen wir noch mal eine separate Folge drüber. Autofahren in Berlin.

Speaker 2 (20:28)
Nur darüber, genau. Wenn die Leute es wünschen.

Speaker 1 (20:31)
Machen wir es. Okay. Genau. Gut. Meine nächste Kategorie wäre Aktivitäten und Unterhaltung. Du hast ja vorhin schon so ein bisschen, so ein bisschen aufgezählt: Bars, Restaurants, Kneipen und so weiter und so fort. Ich würde mal ganz anders einsteigen. Und zwar, jetzt hatten wir ja zwei Jahre Corona bzw. wir haben ja immer noch Corona. Und ich dachte mir ganz oft: Ja verdammt, so in den Großstädten, da sind ja die Leute, die sich entschieden haben, dort zu leben, aller Vorteile beraubt, die man eigentlich in so einer, so einer Großstadt hat, oder? Also alle Aktivitäten, alle Unterhaltungsmöglichkeiten, wegen… derer wegen man nach Berlin gezogen ist, die, die konnte man ja eigentlich gar nicht ausführen. Also was blieb da noch übrig?

Speaker 2 (21:20)
Du hast es schon sehr gut zusammengefasst und diesen Gedanken habe ich auch schon mal gehabt. Also in den Jahren, in den Jahren von Corona war, wirklich Berlin war wie Hannover. Also es war wirklich wie eine…Für diejenigen, die nicht Hannover kennen, das ist eine Stadt in Mitteldeutschland, die für…Ja, für was steht sie eigentlich? Ist die Frage noch, für was steht Hannover? Das ist die Frage. Und so hat sich’s angefühlt. Es war irgendwie, du hast hier gelebt, in einer Stadt. Aber du konntest wirklich nichts machen, was du eigentlich machen wolltest. Es war in dem Augenblick echt, na nervig ist das falsche Wort, aber es war halt irgendwie, du hast schon gemerkt, dass du wegen anderen Gründen in diese Stadt gezogen bist. Hast dann aber auch umso mehr das Ende des Winters herbeigesehnt. Oder als der Lockdown war, das Ende des Lockdowns herbeigesehnt, um wieder das zu haben, für was du ja quasi hergekommen ist. Und es hat quasi in irgendeiner Art und Weise auch diese Lust an dieser Stadt noch mal verstärkt. Weil, weil du dann wieder halt genau das genießen konnte, was du zwei Jahre lang vereinzelt oder gar nicht mehr hattest. Und das war… Aber du hast schon Recht, die Zeit, da hat man dann, ja, was hat man gemacht? Man hat sich halt zu Hause hingesetzt und hat Spieleabende gemacht. Aber du hast halt nicht die guten Restaurants, die Kneipen oder die Bar, in die du mal gerne hingehst, wo du ja einfach vielleicht einmal die Woche bist. Und das hat alles gefehlt, da gebe ich dir vollkommen Recht. Da war Berlin sehr gewöhnlich in dieser Zeit.

Speaker 1 (22:54)
Und da war es für mich zum Beispiel ziemlich gut, weil ich konnte in Rostock und hier im Norden und einfach wirklich immer ans Meer fahren, wenn ich wollte. Und es hat auch nicht… Nicht direkt in der Stadt, aber ich hatte halt so das Naturspektakel vor der Haustür und das ist dann eben schon wieder der, die andere Seite. Das war für mich der Vorteil.

(23:13)
Das Glück ist ja auch in Berlin, du hast sehr, sehr viele Grünanlagen. Das ist wirklich gut. Also sobald du halt mal die Chance hast, rauszugehen und nicht unbedingt durch Straßen gehen zu wollen, wo du nur Häuser, Menschen und Beton siehst, kannst du auch in sehr viele Grünanlagen in dieser Stadt gehen. Also alleine in den Tiergarten zu gehen, kann dich einen ganzen Tag beschäftigen, weil er so, dieser Park ist so vielschichtig bzw. so verwinkelt, dass du da wirklich den Tag einfach lang spazieren kannst. Die Hasenheide ist unterschätzt in meinen Augen. Du hast da wirklich verschiedenste Plätze. Du hast dein…Weiß nicht, wie heißt sowas? Einen kleinen Zoo hast du drinne, du hast mehrere Spielplätze, du hast sogar ein Freiluftkino und einen kleinen Kiosk und ‘nen Hundespielplatz und und und. Also nur dieser eine Park, die Hasenheide. Also so hast du quasi verschiedene Parks, die auch sehr, sehr different sind zu dieser Stadt. Wo du einfach da reingehst in diese Parks. Und dann fühlst du dich wie auf dem Land und das ist auch etwas, was in dem Sinne halt nur Berlin kann. Du kannst quasi einfach mal mitten im Laufe des Tages sagen, ich gehe jetzt mal ins Grüne und dann bist du in einer Stunde wieder da und dann bist du halt wieder mitten im Trubel.

Speaker 1 (24:31)
Ja, gut, das stimmt. Ich glaube, Berlin ist, glaube ich auch die grünste Hauptstadt Europas, sagt man das nicht so?

(24:38)
Ich hoffe, das sagt man so.

Speaker 1 (24:41)
Habe ich zumindest mal gehört. Ich weiß nicht.

Speaker 2 (24:43)
Mir fielen jetzt keine anderen Hauptstädte ein, die ähnlich grün wären. Aber es war ganz gut, dass es halt so war, weil das Problem zu Corona-Zeiten, wenn man halt wirklich so viel zu Hause war und man hat dann aus dem Fenster geguckt, du hast ja immer auf ein gegenüberliegendes Gebäude geschaut, du hast ja immer quasi auf, auf, auf…Du konntest nicht weit gucken und das hat gerade zu den Corona-Zeiten echt gefehlt. Und um sich da mal eine Abhilfe…Also da mal einfach ein wenig etwas anderes zu sehen, war es ganz gut, die verschiedenen Parks der Stadt ausnutzen zu können.

Speaker 1 (25:14)
Ziemlich… Das ist natürlich ein ziemlich cooler Aspekt für so eine Großstadt. Ähm, was ist mit, was ist mit den anderen, ich sag mal, Aktivitäten, Unterhaltungsmöglichkeiten? Was hat Berlin denn in deinen Augen, was jetzt, okay, Hannover hatten wir jetzt schon, das Beispiel. Aber was hat Berlin denn, was jetzt andere Großstädte in Deutschland, wie vielleicht Hamburg nicht haben? Gibt es da was? Was fällt dir was ein? Oder was macht Berlin besonders, wenn es um Aktivitäten und Unterhaltung geht?

Speaker 2 (25:43)
Ich glaube, man kann sagen, das Berlin, kann jedes Bedürfnis zu jeder Zeit befriedigen. Du kannst zu jeder Zeit in Berlin eigentlich das machen, was du machen möchtest. Wenn du, wenn wir das Wort Aktivität ein bisschen weiter fassen. Du kannst natürlich, wenn wir jetzt von der Kultur ausgehen, du hast die Hochkultur. Wenn du darauf Lust hast, mit Opern, mit Theaterhäusern und mehrere davon sogar. Du hast die großen Konzerte, aber gleichzeitig auch die kleinen Konzerte in dieser Stadt. Du hast viele Kleinkunstbühnen auch, wo Künstler auftreten, die du nur dort findest. Du hast viele Bühnen, wo auch Comedians, Komiker auftreten, die einfach dann da kostenlos auftreten, Sachen machen. Das kannst du einfach vielleicht in Städten wie Hamburg eher seltener bis gar nicht machen, dass du einfach so viele verschiedene Sachen auch an einem Tag machen kannst. Und du kannst gleichzeitig auch, je nachdem, wenn du die Bezirke wechselst, auch ganz verschiedene Möglichkeiten an Kultur leben, was zum Beispiel ein bisschen spezifisch türkisch ist. Arabisch ist. Russisch ist. Spanisch. Also auch das kann sich von Bezirk zu Bezirk wirklich wechseln. Und ich weiß nicht, ob andere Städte das so in dieser Vielfalt haben. Oder zum Beispiel, ich weiß nicht, ich hab gestern mir einen Ratgeber durchgelesen mit den besten, weiß nicht, westafrikanischen Restaurants dieser Stadt. Wow, das ist eine lange Liste.

(27:10)
Westafrikanisch, okay, das ist schon sehr speziell.

Speaker 2 (27:13)
Aber wundervoll. Wundervoll. Das ist natürlich cool. Ich weiß nicht, ob andere Städte das in dieser, in dieser Breite halt haben. Und wie gesagt, ich glaube aber um Berlin zu unterscheiden von anderen Städten, würde ich auf meinen ersten Punkt zurückkommen. Du kannst wirklich zu jeder Uhrzeit, jedes Bedürfnis, was du hast, quasi befriedigen. Und sei es, dass du halt nachts an einem Dienstag 3 Uhr Lust auf Falafel hast. Du bekommst deine Falafel. Oder du willst Blumen kaufen gehen, morgens um fünf, weil du dann, weiß nicht, irgendwas vergessen hast, dass der Jahrestag, dein Hochzeitstag an diesem Tag ist. Du bekommst um 5 Uhr morgens frisch deine Blumen. Wunderschön. Also alles, solche kleinen Geschichten. Das ist schon, das ist schon sehr, sehr schön.

Speaker 1 (27:53)
Das stimmt. Ja, das ist… Ich finde den Satz sehr gut, dass jedes Bedürfnis zu jeder, jeder Tageszeit irgendwie befriedigt werden kann. Also das ist wirklich etwas, was ich selbst auch gespürt habe, was in Berlin absolut zutrifft. Das Falafel-Beispiel selbst oft genug, oft genug erlebt. Was ich sogar noch hinzufügen würde, also bei diesem Punkt merkst du, ich kann gar nicht so viel erwidern, so viel Kontra geben, weil das ist wirklich was, was ich an Berlin auch sehr schätze, Aktivitäten, Unterhaltung. Du kannst wirklich immer irgendwas machen, es sei denn, es ist Corona und du hast eben nicht die Möglichkeiten. Aber normalerweise ist es in der Hinsicht eine großartige Stadt, gerade auch was Konzerte zum Beispiel angeht. Wer Musikfan ist, der kommt jede Woche irgendwie auf seine Kosten und große Veranstaltungen. Mir fällt spontan ein, ich war schon zweimal beim Karneval der Kulturen in Berlin. Es ist ja auch so ein, so ein riesengroßes buntes Fest, was glaube ich auch über mehrere Tage oder ein ganzes Wochenende geht oder so was, oder?

(28:50)
Genau, ich glaube, das geht am Donnerstag langsam los und findet seinen Höhepunkt am Sonntag. Am Sonntag glaube ich ist es, mit einem großen Karnevalszug, der witzigerweise an meiner Haustür vorbeigeht. Also ich wohne direkt an dem Straßenzug. Und da hast du dann wirklich den ganzen Tag von morgens um 12 bis abends um acht verschiedene Gruppen, die quasi sich kostümieren, ihre eigene Musik spielen und es egal ob aus aus Brasilien, aus Kreuzberg, aus Äthiopien, aus Südkorea, überall her und bringen dann quasi ihre, ihre Show mit. Und das ist einfach wundervoll. Dann stehst du dort, begutachtest das, kannst ja auch mitlaufen, mittanzen und solche Sachen. Und ich glaube, diese, diese Art von Fest, Karneval der Kulturen ist, glaube ich schon richtig einzigartig.

Speaker 1 (29:41)
Ja, genau.

Speaker 2 (29:42)
Das kann man schon sagen.

Speaker 1 (29:42)
Also Leute, Karneval der Kulturen, also wer es noch nicht kennt, googelt das einfach mal! Schaut es euch an und wenn ihr die Möglichkeit habt, in Berlin, in Berlin seid und da einfach mal hingehen könnt, dann macht das, weil das ist wirklich unglaublich, das mal wirklich zu sehen, alles zu erleben. Ich bin mir sicher, einige von euch kennen das auch schon.

Speaker 2 (30:05)
Es ist immer am Pfingstwochenende. Genau am Pfingstwochenende ist es und es fällt dieses Jahr nochmal aus, glaube ich.

Speaker 1 (30:11)
Oh, okay.

Speaker 2 (30:11)
Also ich glaube dieses Jahr, genau dieses Jahr fällt es noch aus. Bitte googeln, falls ich was Falsches erzähle. Aber ich glaube halt, die Planung beinhaltet auch sehr viele Monate Vorbereitung und da es nicht absehbar war oder absehbar sein wird, wie es im Mai ausschaut, haben die glaube ich nochmal gesagt, okay, dieses Jahr, entweder verschieben sie es nach hinten oder sie lassen es nochmal ausfallen. Ich glaube, sie lassen es ausfallen dieses Jahr.

(30:33)
Ja, gut. Wie gesagt, Leute, macht’s mal, Karneval der Kulturen. Und das ist eigentlich auch eine super Überleitung zu unserer dritten und letzten Kategorie, nämlich “Menschen und Sprache”. Und ganz, ganz wichtiges Thema natürlich, bei Berlin, weil, also mir geht’s so, ich wurde jetzt schon häufiger gefragt als Deutsch-Coach von einigen Coaching-Teilnehmerinnen- und Teilnehmern, die in Berlin wohnen, aber sagen, sie haben eben einfach kaum Kontakt zu Deutschen. Sie sprechen einfach kaum Deutsch in Berlin. Und das ist schon ein bisschen merkwürdig, oder? Weil Sie in Ihrem eigenen Umfeld wirklich nur mit Ausländern in Kontakt sind.

Speaker 2 (31:23)
Ja, du hast entweder die Chance oder du musst wirklich kein Deutsch sprechen, um in Berlin leben zu können und sogar gut leben zu können. Ich glaube, du musst teilweise, je nachdem wo du dich befindest, teilweise nicht sogar mal Englisch sprechen. Es gibt sehr viele, es gibt verschiedene Bezirke, da kannst du halt einfach mit Russisch oder mit Türkisch, Arabisch durch den Tag sehr weit kommen und das funktioniert soweit ganz gut und dementsprechend ist es richtig, Deutsch zu lernen ist, na ja. Vielleicht in den Randbezirken der Stadt, ein bisschen so, da ist vielleicht noch ein bisschen mehr die Möglichkeit da, mehr Deutsch zu sprechen. Aber gerade was so den Kern Berlins angeht, kann jeder, glaube ich oder viele können halt Englisch sprechen schon mal grundlegend und dementsprechend kann man auch ohne Deutsch hier sehr gut zurechtkommen. Aber hast schon Recht, wenn man Deutsch lernen möchte, musst du vielleicht mal die Leute darauf hinweisen, bitte auf Deutsch auch zu antworten.

Speaker 1 (32:22)
Genau. Also, ich stelle mal eine ganz, ganz, ganz provokante Frage. Entspricht ja auch nicht meiner Meinung, aber ich bin mal gespannt, was du dazu sagst. Wenn man in so einer Stadt wohnt, wo du wirklich ständig von anderen Sprachen, Hautfarben, Religionen, Kulturen umgeben bist, kann man sich da so richtig hundertprozentig heimisch fühlen, so wie man sich vielleicht auf dem Dorf früher heimisch gefühlt hat?

Speaker 2 (32:52)
Ja, definitiv. Die Frage ist ja was definierst du mit heimischen Gefühlen. Und heimische Gefühle sind etwas, was dir Wärme verleiht, weil du es halt kennst. Und gerade halt durch eine Straße zu laufen und verschiedene Sprachen zu hören ist etwas, was einem ein sehr warmes Gefühl gibt, wenn du es über Jahrzehnte und immer wieder gehört hast und dich auch hier wohl fühlst. Und dementsprechend, nur Deutsch zu hören, wenn man es halt nicht gewohnt ist, kann schon irgendwie verwundern, wenn man sich schon fragt, ok wo sind die anderen Leute, die sonst hier auf der Straße sind? Und gerade dieser Mischmasch, dieses verschiedene Kulturen oder sei es auch Religion und Sprache, das alles so zu sehen und zu hören, das gibt mir ein sehr wohliges Gefühl, weil ich das quasi seit Jahren habe und mich hier sehr wohl fühle. Und dementsprechend würde ich es gar nicht missen wollen und auch gar nicht den Wunsch haben, in einer, weiß nicht, katholischen Gemeinde mit nur deutschsprachigen Leuten unterwegs zu sein. Da würde mir auch was fehlen, weil ich grade auch in den letzten zwölf Jahren in Berlin einiges gelernt habe, was ich vorher halt nicht lernen konnte, weil ich einfach nicht den Kontakt zu den Leuten hatte, die mir Sachen beibringen konnten, wie Gastfreundlichkeit, sozialer Umgang. Ich will jetzt nicht sagen, dass die Deutschen alles das nicht sind. Aber es gibt Kulturen, die sind es viel, viel mehr als die deutsche Kultur. Und das konntest du halt nicht lernen, wenn du nicht in den Kontakt mit den Leuten kommst. Und das ist so, finde ich für mein Leben sehr, sehr wertvoll und werde es auf jeden Fall, wenn ich mal Kinder haben sollte, auf jeden Fall weitergeben, weil ich es eine sehr, sehr schöne Eigenschaft finde für’n miteinander. Und das hat mir der Austausch mit den verschiedenen Kulturen auf jeden Fall auch gegeben und gezeigt, dass wir Deutschen da noch mehr lernen können.

Speaker 1 (34:41)
Finde ich sehr, sehr gut, dass du das sagst. Das Thema hatten wir in ‘ner früheren Folge hier auch schon mal, da ging es auch so um das Thema Heimat und so und wo fühlt man sich eigentlich, was bezeichnet man eigentlich als Heimat und was gehört dazu? Was macht das aus? Und das definiert natürlich jeder auch so ein bisschen anders. Aber sehr cool, dass du das so sagst, dass es einfach für dich dieses, dieses kulturelle Miteinander auch ist. Und dass das einfach für dich mittlerweile so zum heimatlichen Gefühl geworden ist und du es gar nicht mehr, du es wahrscheinlich gar nicht mehr anders könntest oder dich erst mal umgewöhnen müsstest, wenn es wieder anders wäre. Und was ich, worauf ich so ein bisschen hinaus wollte, war eigentlich eher so dieses, man kennt das ja so ein bisschen, wenn man ins Ausland geht, wenn man im Urlaub ist und man, man spricht die Sprache nicht, zum Beispiel, und ist von Leuten umgeben, die natürlich komplett andere Gewohnheiten haben, auch anders aussehen als man selbst. Und dann ist das so ein bisschen wie das Verlassen der Komfortzone. Man muss sich erst mal drauf einlassen. Aber wenn das zum Dauerzustand wird und man täglich davon umgeben ist, glaube ich, fällt es auch wesentlich leichter, das wirklich als sein Zuhause anzusehen, oder?

Speaker 2 (35:53)
Ja, aber du hast ja trotzdem halt grundlegende Sachen, die halt schon gleich sind. Also wir haben alle trotzdem hier Rechtsverkehr aufd er Straße, zum Beispiel. Wenn man in England war, ist das eine sehr große Umgewöhnung, weiß ich noch. Nein, aber in dem Sinne sind da alle sehr, sehr nah beieinander, wo es keine… Also, mir fiele jetzt nichts ein, wo ich sagen würde, das kenne ich so nicht und es schreckt mich ab oder sonst was. Das gibt es in dem Sinne nicht. Ich finde eher vieles mal eher eine Bereicherung. Ein bisschen schade drum, dass wir das früher nicht hatten auf dem Land in Brandenburg. Wo ich sage, ach Schade, hättest du früher diesen Einfluss gehabt, dann hätte ich vielleicht ein bisschen anders mein Leben gehandhabt. Wie gesagt, ganz großer Punkt, dieser Umgang, diese Freundlichkeit, das Miteinander, sich mitnehmen und nicht nur auf sich, ich konzentriert sein. Und ja, es wurde mir nicht so beigebracht, aber es ist da, wo wir damals groß geworden sind, haben alle halt so ein bisschen mehr gedacht insgesamt. Und das ist ein Punkt, den habe ich hier quasi in der Großstadt und hier in Kreuzberg, wo ich lebe, halt anders kennengelernt. Und das finde ich sehr, sehr schön.

Speaker 1 (37:04)
Ja, sehr gut. Dann zum Abschluss möchte ich trotzdem noch mal auf ein Individuum eingehen. Ein ganz spezielles, nämlich den typischen Berliner.

Speaker 2 (37:18)
Oh, okay.

Speaker 1 (37:19)
Ja. Gibt es so was? Kannst du das irgendwie definieren? So ein richtiger Berliner?

Speaker 2 (37:28)
So ein richtiger Berliner. Es gibt ihn in mehreren Facetten. Also, der Berliner ist…Da auch wieder, da wir von einer sehr, sehr großen Stadt reden, ist die Frage, wo wirst du groß? Wirst du im beschaulichen Zehlendorf groß? Da gibt es auch den typischen Berliner, aber den Zehlendorfer Berliner. Oder wirst du in Marzahn in einer Plattenbausiedlung groß? Da gibt es auch den typischen Berliner. Was man mal grundlegend sagen kann, ohne dass sich irgendjemand auf den Schlips getreten, also quasi sich sich verärgert fühlt über das, was ich gleich sage, es ist ein etwas rauerer Ton, zum einen. Es ist direkt in dem Sinne, dass man halt nicht um eine Sache drum herum spricht, wenn etwas einem nicht gefällt. Es wird klar ausgesprochen, manchmal…Also den Deutschen sagt man ja oft voraus (nach), dass sie sehr direkt sind und nicht etwas mit schöneren Worten verpacken, was vielleicht irgendwie der, des Gesprächs vielleicht ein bisschen hilfreich wäre. Der Berliner ist noch direkter, der Berliner kann noch direkter sein und dir direkt sagen, was er von dir hält. Meistens, oft im Negativen, aber in dem Sinne, ja ich glaube, diese rauere Art, dieses eher vielleicht sogar bisschen gleichgültigere, leider. Es gibt, das muss man so, so gut ich die Stadt natürlich finde, es gibt in dieser Stadt vieles, was halt nicht funktioniert und was irgendwie auch abschreckend ist, wie manche Menschen sich in dieser Großstadt verloren haben, wie sie ein bisschen von dieser Stadt aufgesogen worden sind. Und dieses Leid sieht man halt oft auf der Straße und man wird trotz dessen, aber irgendwie und es ist echt eine wirklich schlechte Eigenschaft, man wird gleichgültig. Und das projiziert sich aber auf mehrere Geschichten in dieser Stadt. Also es gibt auch eine gewisse Gleichgültigkeit, die der Berliner mit sich trägt. Leider. Wie gesagt, es ist etwas, was ich jetzt als negative Eigenschaft mit reinnehmen würde und wovon man auch selber, also ich, nicht frei bin. Aber das gibt es auch.

Speaker 1 (39:36)
Natürlich. Ich kann mich gut erinnern, dass ich, das ich so die ersten Male, in denen ich in Berlin war, auch gemerkt habe, das sind deutlich mehr Bettler, ja deutlich mehr Obdachlose, die dort auch in den Straßen sitzen als ich es von zu Hause oder von meiner Heimat so gewohnt war. Und klar, ich war erst mal abgeschreckt. Aber wenn ich heute in Berlin bin und ich war schon mittlerweile jetzt auch ziemlich oft dort, selbst bei mir ist es schon so, ich habe mich daran gewöhnt. Und dann ist es natürlich so bei jemandem, der dort seit zehn Jahren oder länger wohnt oder dort aufgewachsen is, da…. Das ist leider wirklich so.

Speaker 2 (40:17)
Ja, man muss sich probieren aktiv gegen anzukämpfen und sich trotz dessen kurz auch mal innehalten, sich dessen bewusst werden, dieses Leid und dann probieren, wie man es halt kann, in seinen eigenen Möglichkeiten ein bisschen zu helfen. Das probiere ich daran immer mehr zu arbeiten, weil ich, ja… Es gab Jahre, wo es mir wirklich mehr egal war. Aber das ist etwas, was ich auf jeden Fall nicht mehr so möchte. Ich finde, mittlerweile sind wir einer Position, wo man ein bisschen mehr helfen kann. Und das sollte man auch tun.

Speaker 1 (40:47)
Definitiv. Und das war ein wunderbares Schlusswort. Fabian, ich wollte eigentlich, ich wollte eigentlich so ein bisschen, ja, dir mehr Kontra bieten und so ein bisschen meine ganz, ganz leichte Abneigung gegen Berlin hier in dieser Folge so ein bisschen, so ein bisschen offensichtlicher werden lassen. Aber so richtig ist es mir nicht gelungen, merke ich jetzt. Weil, du hast es einfach richtig gut gemacht, muss ich sagen. Du hast einfach wirklich richtig überzeugend mir diese Stadt hier präsentiert. Und nicht nur mir, sondern ich glaube, jeder, der noch nicht in Berlin war von unseren Hörerinnen und Hörern, der wird sich jetzt auch denken, ja, sehr interessant, was der Fabian erzählt hat. Ich will da auch mal hin. Ja, du hast auch…

Speaker 2 (41:30)
Ich würde mich freuen, dich wieder begrüßen zu können. Wir haben uns schon jetzt länger nicht mehr hier getroffen und dementsprechend wäre auch ein Besuch deinerseits mal wieder sehr, sehr erfreulich.

Speaker 1 (41:41)
Definitiv. Solange wir nicht U-bahn fahren ist alles gut.

Speaker 2 (41:45)
Aber eine Frage habe ich trotzdem an dich noch, wenn du gerade so erzählst. Was müsste denn Berlin für dich haben, dass du irgendwann mal sagst “Ich zieh nach Berlin”? Was fehlt dieser Sadt?

Speaker 1 (41:55)
Kann ich dir sagen.

Speaker 2 (41:56)
Ich glaube, ich kenne auch schon die Antwort.

Speaker 1 (41:58)
Ja, da müsste so ein bisschen die Kontinentalplatte wegbrechen. Dann hätten wir das Meer vor der Haustür. Das hab ich auch schon in einer vergangenen Folge irgendwann mal gesagt. Ich muss am Meer wohnen, da würde mir was fehlen, glaube ich. Ich habe ja jetzt schon an verschiedenen Orten auch gelebt, nicht nur in Deutschland. Aber ich habe auch wirklich immer gemerkt, sobald ich für einen längeren Zeitraum nicht zumindest das Meer in Reichweite habe, merke ich, da fehlt mir was. Und selbst wenn ich nicht jeden Tag da bin, selbst wenn ich mal zwei Wochen lang nicht am Meer bin, was selten ist, merke ich, ich könnte es zumindest tun.

Speaker 2 (42:35)
Ja, wir haben drei verschiedene Flüsse in der Stadt. Ich weiß nicht, wie viel Rostock aufzählen kann. Aber wir haben drei verschiedene Flüsse.

Speaker 1 (42:40)
Wir haben einen, aber der fließt ins Meer. Wobei, die Berliner Flüsse fließen auch ins Meer. Das ist eine andere Geschichte. Trotzdem Fabian, war eine richtig coole Folge. Die ging viel, viel länger als ich eigentlich geplant hatte. Aber ich finde, alles, was wir hier besprochen haben, war mega wichtig für das Gesamtbild. Hat mir richtig viel Spaß gemacht. Und ich glaube, da können die Leute ganz, ganz viel draus mitnehmen, ob sie in Berlin wohnen oder nicht. Ganz kurz zu dir. Bleibst du die nächsten Jahre voraussichtlich in Berlin wohnen oder was ist dein Ziel? Dein Plan?

Speaker 2 (43:21)
Ich werde sehr wahrscheinlich hier wohnen bleiben. Ich hab ja auch in Berlin die Liebe gefunden und dementsprechend auch meine Frau sozusagen. Und wir werden auf jeden Fall hier bleiben. Sollte irgendwann mal ein Lottogewinn bei rumspringen, würde ich vielleicht gucken, ob ich ein Gartenhaus irgendwo im Grünen noch bekomme. Aber das sind Zukunftsträume. Also die Zukunft liegt in Berlin.

Speaker 1 (43:43)
Alles klar, sehr gut. Gut, dann hoffe ich, sehen wir uns da bald wieder. Ich sage vielen, vielen Dank, dass du dabei warst. Und ja, bis bald mien Jung!

Speaker 2 (43:52)
Ich bedanke mich für die Einladung und hat mir sehr viel Spaß gemacht. Danke. Danke.

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By |2022-03-24T17:23:38+01:00March 23rd, 2022|Transkripte|1 Comment

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One Comment

  1. Roberto Rodríguez 7. July 2022 at 20:41 - Reply

    Vielen Dank für den Podcast, der hat viel Spaß gemacht.

    Viele Grüße aus Hannover, die grünste Stadt Europas. Nichts so groß und kaotisch wir Berlin natürlich, nur schöner ;)

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